EM-SENSATION MIT BEIGESCHMACK

Mit einer Weite über 17 Metern im Dreisprung-Finale zeigte Max Heß seine Klasse - doch für einen Medaillenplatz reichte es nicht. Im Anschluss beklagte sich der frühere Europameister nicht nur über seine unsauberen Sprünge.

Max Heß stand in der Interviewzone und versuchte, seine Gefühle einzuordnen. „Ich glaube, es ist Fifty-Fifty“, bewertete er nach kurzem Überlegen seine Leistung im Dreisprung-Finale, in dem er mit 17,04 Meter Fünfter wurde.

„Auf der einen Seite bin ich super happy, dass die 17 Meter gekommen sind. Das war vorher mein Ziel und das habe ich umgesetzt“, analysierte Heß, der aber schon da ein Haar in der Suppe fand: „Natürlich vor dem Hintergrund, dass die ersten fünf Sprünge technisch katastrophal waren, da ging beim Jump (dem letzten Sprung, d. R.), der eigentlich meine Stärke ist, gar nichts.“

Im letzten Versuch klappte es mit der Technik zwar, doch der 27-Jährige hatte um wenige Zentimeter übertreten. „Dass ich den einzigen Sprung, der technisch gut war, übertreten habe, sind dann die ärgerlichen 50 Prozent“, haderte Heß.

Irre Flugshow von zwei gebürtigen Kubanern

Zur Bronzemedaille, die der Franzose Thomas Gogois mit einer neuen Bestleistung von 17,38 Metern gewann, fehlten ihm 34 Zentimeter - möglicherweise wäre Heß in diesem Bereich gelandet.

Doch die technisch unsauberen Sprünge und der knappe Übertritt im letzten Versuch waren nicht die einzigen Ärgernisse für den Athleten des LAC Erdgas Chemnitz - das hatte mit zwei Kollegen zu tun, die sich einen atemberaubenden Zweikampf im Römer Olympiastadion lieferten.

Der Portugiese Pedro Pichardo (18,04 Meter) und der Spanier Jordan Diaz (18,18 Meter), die mit ihrer unglaublichen Flugshow für das bisherige Highlight der Titelkämpfe sorgten, sind beide in Kuba geboren und aufgewachsen, bevor sie sich einem anderen Landesverband anschlossen.

Pichardo hatte sich im August 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro vom kubanische Team abgesetzt und kurze Zeit später bei Benfica Lissabon einen Vertrag unterschrieben. Ein Jahr später erhielt er die portugiesische Staatsangehörigkeit und startet nach Absitzen der bei einem Verbandswechsel vorgeschrieben dreijährigen Sperre seit 2019 für seine neue Heimat.

„Er hätte eigentlich erst bei Olympia starten dürfen“

Vor allem der Fall des neuen Europameisters Diaz wurmt den deutschen Dreispringer. „Er hat seine Sperre mit einem Sonderantrag um drei Wochen vorverlegen lassen, damit er schon hier starten darf. Er hätte eigentlich erst bei Olympia starten dürfen“, stellte Heß auf SPORT1-Nachfrage klar.

Erst zu Beginn 2022 hatte der 23 Jahre alte Diaz, zusätzlich zu seiner kubanischen, die spanische Staatsangehörigkeit erhalten und lebt seitdem im spanischen Guadalajara - betreut vom ehemaligen kubanischen Weltklasse-Weitspringer Ivan Pedroso.

Zwei Kubaner, die mit neuem Pass Europas Dreisprung-Elite aufmischen, sorgen bei den Konkurrenten nicht für ungeteilte Freude. „Die Dreisprung-Community findet das, glaube ich, nicht ganz so gut. Ich bin auch kein Riesen-Fan davon“, sagte Heß.

Letztlich müsse man das aber akzeptieren, schob der Europameister von 2016 noch nach. „Im Endeffekt hätte es dann auch nicht für eine Medaille für mich gereicht, weil ich dann Vierter geworden wäre. Aber darüber will ich mir eigentlich ohnehin keine Gedanken machen, weil man es nicht ändern kann.“

„Unheil“ droht bald auch aus Italien

Dass es für ihn auch in Zukunft bei internationalen Großereignissen nicht einfacher werden wird, ist Heß klar - zumal ihm bald ein weiterer Konkurrent in Europa droht.

„Ich strebe es zwar immer die Spitze an, aber mit den zwei Jungs ganz vorne ist es schwer“, klagte Heß. „Und es wird die nächsten Jahre sogar noch schwieriger, muss man leider sagen. Es kommt ein Italiener dazu, der auch Kubaner war und auch ein Niveau von 17,70 Meter hat.“

Andy Díaz Hernández heißt der neue Konkurrent in Europa - und er wird ab dem 1. August 2024 das Trikot der Azzurri tragen. Gerade noch rechtzeitig für die Dreisprung-Qualifikation der Männer in Paris.

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